Rede Sandra Billet,

Bürgermeisterin von Saint-Leu-la-Forêt

 

Liebe deutsche Freunde, liebe Wendlinger

Ich freue mich sehr, heute mit Ihnen allen das Jubiläum der Partnerschaft unserer beiden Städte feiern zu können. Dieses Jubiläum zeigt unsere gemeinsame Geschichte auf, die vor 30 Jahren begann, dank der Menschen in unseren beiden Orten Wendlingen und Saint-Leu, Deutsche und Franzosen, die an Europa glaubten und den tiefen Wunsch nach einer echten Annäherung der beiden Völker ausdrückten.

Man sagt es nicht oft genug; die Partnerschaft entstand aus einem eindringlichen Bedürfnis der Nachkriegszeit, in der es wichtig war, an der Annäherung der europäischen Völker zu arbeiten und zur Einheit Europas, in Frieden und Freiheit beizutragen.

Aus diesem dringenden Bedürfnis heraus hat das Partnerschaftskomitee die Grundlage gelegt, was mehr denn je eine schöne Geschichte ist. Es verlässt sich auf starke Kräfte, die mit der Jugend verbunden sind , mal Austausche zwischen Schulen oder Sportveranstaltungen wie das 24 Stunden Schwimmen oder la Course des Coteaux (der Stadtlauf in St Leu) und die kulturellen Begegnungen wie zum Beispiel mit unseren beiden Musikschulen aber auch besonders die Beharrlichkeit und das Engagement der Vereine ist für den Erfolg der Partnerschaft zwischen unseren beiden Städten sehr wichtig.

Die ehrenamtlich Tätigen wissen, dass, wenn sie ihre Zeit, ihr Herz und ihre Vision der Welt einbringen, es nicht vorrangig ist, im Gegenzug irgendwelche Dankbarkeit dafür einzufordern, sondern zu einer menschlicheren Welt beizutragen, wofür es keinen angemessenen Ausgleich gibt.

Dies ist das Fundament für die besten Allianzen, die besten Verbindungen, manchmal sogar die besten Ehen, also da wo beide Seiten ihre Anstrengungen nicht zählen und keine Gegenleistung fordern.

Wenn man zu Zweit zusammensteht, dann sind der gemeinsame Wille und die gemeinsamen Auffassungen das Wesentliche.

Wir sind erwachsen geworden, wir haben viele gemeinsame Erinnerungen. Von 1988 bis 2018 sind es 30 Jahre und es gab vier Bürgermeister in Saint Leu: François Gayet, Jean le Gac, Sebastien Meurant und heute, bin ich hier. 1988 war ich 12 Jahre alt; Ich kann also gut einschätzen, wie die Geschichte zwischen uns, wirklich ernst geworden ist. Jetzt kann man nicht mehr von einem jugendlichen Irrtum sprechen.

Wie echte Freunde, sind wir unweigerlich betroffen von den Geschehnissen beim Anderen. Wenn ihr traurig seid, sind wir traurig und wenn ihr glücklich seid, sind wir glücklich. Ihr seid Teil unseres Lebens. Wir hören einer vom anderen.

Durch regelmäßige Besuche, die von unseren jeweiligen Komitees organisiert werden, entstanden Projekte dank der vorbildlichen Entschlossenheit der damaligen Initiatoren. Ich denke dabei an Marcel Breton, den ersten Vorsitzenden und Gründer des Partnerschaftskomitee Saint-Leu, an André Delort, der sich 12 Jahre lang engagiert hat, heute an Sabine Malibert und bei euch in Wendlingen an Suzanne Schwab, die « eiserne Dame » des Komitees und an Kathrin Mueller, die vor 5 Jahren die Fackel mit Bravour übernommen hat.

Wir sind Freunde und zeigen es. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sehr Sebastien Meurant von Steffen Weigels Brief im Januar 2015 berührt war, nachdem Charlie Hebdo das Ziel von Terroranschlägen geworden war.

Mit treffenden und herzlichen Worten hatte er direkt seine Gefühle und seine Fassungslosigkeit ausgedrückt. Es ging um unsere gemeinsamen Werte, von den Dingen, die wir gemeinsam zu verteidigen haben und was uns geschichtlich vorzuwerfen wäre, wenn wir Europäer den Anforderungen nicht gewachsen wären.

Ein Gefühl, das allein unser Engagement für die Partnerschaft als Teil eines vereinten und funktionierenden Europas rechtfertigt. Man könnte also sagen, dass Brüssel und Straßburg sich unser Verhalten zum Vorbild nehmen könnten.

30 Jahre! So viele Momente, die unsere beiden Städte gemeinsam erlebt haben, so viele Emotionen, die Frauen und Männer empfanden, die sich durch die Partnerschaft getroffen, entdeckt und geschätzt haben und Freunde geworden sind. Dies ist ein gutes Beispiel für die starke Verbindung zwischen unseren beiden Gemeinden.

Unsere Freundschaft  hat einen Sinn und nach all den Jahren hat sie sich neu erfunden, durch neue Mitglieder, die neue Kraft und Ideen einbringen.

Vor 30 Jahren wurde diese Partnerschaft ins Leben gerufen, und wir sind es, die heute dieses Werk bewahren, das alle Chancen für eine gute Zukunft hat. Dazu vertrauen wir den neuen Bürgern Europas, unseren Kindern. Der Beweis dafür ist Marcel Bretons Aussage «cette amitié nous permet de contribuer à faire grandir l'identité européenne. Et ce n'est pas si difficile: parce que nous ne sommes pas si différents et que nous le serons de moins en moins! »

(Mit dieser Freundschaft können wir dazu beitragen, die europäische Identität zu stärken. Und das ist nicht so schwer: weil wir uns nicht in so vielem unterscheiden, und diese Unterschiede immer unbedeutender werden!)

Unserer Freundschaft und der Partnerschaft unserer beiden Städte wünsche ich ein langes Leben.

 

Rede Bürgermeister Steffen Weigel (Festakt)

 

Sehr geehrte Frau Kollegin Billet,
sehr geehrter Herr Kollege Schuster,
sehr geehrter Herr Kollege Dr. Tittmann,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, Sie alle - fünf Jahre nach unserem letzten gemeinsamen Treffen hier in Wendlingen am Neckar auch Anfang Mai - begrüßen zu dürfen. Der Anlass ist, dass wir auch in diesem Jahr wieder mit allen drei Partnerstädten kleinere und größere Jubiläen feiern dürfen.

Seit nunmehr 30 Jahren besteht die Städtepartnerschaft zu unseren Freunden in Saint-Leu-la-Forêt und der Beschluss zur Gründung dieser Partnerschaft wurde fast auf den Tag genau am 3. Mai 1988 vom Wendlinger Gemeinderat gefasst. Voraus gingen natürlich unzählige Arbeitstreffen der beiden Partnerschaftskomitees seit dem Jahr 1984, deren Arbeit unter der Ägide meines Amtsvorgängers Herrn Hans Köhler, den ich unter unseren Gästen sehr herzlich begrüßen darf, zur Gründung der Städtepartnerschaft geführt hat. Gerade die Städtepartnerschaften mit französischen Städten zeigen besonders die Bedeutung freundschaftlicher Beziehungen in Europa für den Erhalt des Friedens auf unserem Kontinent auf. Gleichzeitig sind es immer wieder diese beiden Länder, die als Motor der Europäischen Integration und der Vertiefung der Beziehungen auf der europäischen Ebene wirken. Stolz dürfen in diesen Tagen und Wochen insbesondere unsere französischen Freunde darauf sein, dass sie derzeit was diese Diskussion anbelangt eindeutig eine Vorreiterrolle einnehmen. Ich würde mir wünschen, dass es der deutschen Bundespolitik endlich gelingt, in dem Diskussionsprozess zur Weiterführung der europäischen Integration eine gemeinsame Position zu entwickeln, die es ermöglicht, gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Macron Vorstellungen über die Weiterentwicklung der Europäischen Union zu entwickeln. Dabei bin ich überzeugter denn je, dass wir Europa feste Kompetenzen und Aufgaben zuordnen müssen, die dann auch für ganz Europa gleich, unmittelbar von den europäischen Institutionen zu entscheiden sind. Hierzu gehört aus meiner Sicht eine europäische Verteidigungs- und Sicherheitspolitik ebenso wie die Grenzsicherung der Außengrenzen und eben auch, wie von Emanuel Macron vorgeschlagen, eine gemeinsame europäische Finanzpolitik. Ich wage die Prognose, dass, wenn wir uns nicht in Richtung von vereinigten Staaten von Europa weiterentwickeln, die Europäische Union über kurz oder lang implodieren wird, damit die nationalstaatlichen Bestrebungen in manchen Ländern der Union befördert werden und letztendlich der europäische Einigungsprozess zum Scheitern verurteilt sein wird.

Der aber wiederum ist Garant nicht nur für eine unvergleichlich lange Zeit des Friedens in Europa, sondern eben auch für eine Zeit der wirtschaftlichen Prosperität auf unserem Kontinent. Genau deshalb ist es unverständlich, dass wir uns über Detailfragen auseinandersetzen und dabei die Bedeutung und die Wichtigkeit des Großen und Ganzen aus dem Blick verlieren.

25 Jahre und damit das eigentliche runde Jubiläum in diesem Jahr feiern wir in der Partnerschaft mit der österreichischen Stadt Millstatt am See. Wir freuen uns sehr, dass wir gerade nach Millstatt besonders enge Kontakte pflegen, die zu einem mehrfachen Austausch von Bürgerinnen und Bürgern aus beiden Kommunen in jedem Jahr führen. Natürlich verbindet uns neben der gemeinsamen Kultur auch die gemeinsame Sprache, aber ganz unabhängig davon sind in den vergangenen 25 Jahren nach Begründung der Partnerschaft durch den Musikverein aus Unterboihingen und der Bürgermusik Millstatt am See tiefgehende Freundschaften entstanden, die wir auf freundliche Einladung aus Millstatt beim Treffen im vergangenen Oktober wieder neu begründen und vertiefen konnten. Ich bedanke mich sehr herzlich dafür, dass sich auch an diesem ersten Maiwochenende wieder eine große Delegation aus Millstatt am See auf den Weg hierher nach Wendlingen am Neckar gemacht hat, um mit uns gemeinsam das Vierteljahrhundert Städtepartnerschaft zu feiern.

Ebenso freue ich mich natürlich darüber, dass anlässlich des 20-jährigen Bestehens unserer Städtepartnerschaft mit unseren ungarischen Freunden aus Dorog nicht nur mein Amtskollege Dr. Tittmann mit einer Tanzgruppe hierher nach Wendlingen am Neckar gekommen ist, sondern er auch Freunde der ungarischen Minderheit aus Rumänien mitgebracht hat, die die Völkerfamilie in Wendlingen am Neckar noch um ein weiteres Land bereichern und unterstreichen, wie sehr der Gedanke der europäischen Integration hier in unserer Stadt verankert ist. Aus diesem Grund wurde uns im Jahr 2013 auch die Europafahne des Europarates verliehen, worauf wir sehr stolz sind. Es ist besonders wichtig, dass wir gerade mit unseren Freunden in den östlichen Ländern Europas einen engen Kontakt pflegen. Gerade weil die Kommunikation in einigen dieser Länder, auch zu Ungarn, im Moment sehr schwierig ist und es sich zeigt, dass wir in manchen grundsätzlichen Fragen unterschiedliche Auffassungen haben freue ich mich, dass die persönlichen Beziehungen nach Dorog unverändert gut, herzlich und freundschaftlich sind. Das Aufrechterhalten dieser Beziehungen gerade dann, wenn die staatlichen Ebenen sich im Umgang schwer tun und dafür Sorge zu tragen, dass unsere Freundschaft auch solche schwierigen Phasen überstehen kann, ist von herausragender Bedeutung. Ich bin davon überzeugt, dass unsere gemeinsame Kultur, unsere gemeinsame Geschichte und vor allem unser gemeinsames Bestreben nach Demokratie in Frieden und Freiheit für alle Menschen in Europa dazu führen werden, dass wir diese schwierige Phase im Integrationsprozess für Europa überstehen werden.

Ich heiße Gäste aus Saint-Leu-la-Forêt, aus Millstatt am See und aus Dorog, sowie aus Felizeni in Rumänien sehr herzlich bei uns in Wendlingen am Neckar willkommen. Wir haben in den kommenden zwei Tagen ein Programm zusammengestellt, dass neben den offiziellen Teilen auch Raum lässt für persönliche Begegnungen und Gespräche, die für den Fortbestand von Städtepartnerschaften wichtig sind. Ich lade Sie alle ein die Möglichkeit zu diesen Gesprächen zu nutzen, damit wir die Grundlage dafür legen, die Freundschaft zwischen den Menschen in unseren Städten, aber auch zwischen unseren Ländern auch für die kommenden Jahre zu sichern. Herzlich willkommen in Wendlingen am Neckar und vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Beitrag aus dem Magazin "Dans ma Ville" Mai/Juni 2018